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Wie Designer Christian Knoop IWC in die Zukunft führt

May 6, 2026 | Lesedauer: 8 Minuten
Autor: Harald Saller | 0 Kommentare | oacsspl

Christian Knoop zählt zu den interessantesten Designern der Uhrenwelt. Seit 2008 prägt er IWC Schaffhausen, heute als Chief Design Officer der Schweizer Uhrenmanufaktur. Knoop kam nicht über den klassischen Weg in die Branche. Er ist kein ausgebildeter Uhrmacher, sondern Industriedesigner. Er studierte Möbelbau und Produktgestaltung, arbeitete danach in unterschiedlichen Industrien, von Konsumgütern bis Medizintechnik, bevor er zu IWC kam. 

Dort entwirft er nicht nur neue Uhren. Als Chief Design Officer verantwortet Knoop die gestalterische Gesamtlinie der Marke. Dazu gehören nicht nur Gehäuse, Zifferblätter und Proportionen neuer Modelle, sondern auch Materialien, Farben, Oberflächen, Ergonomie und die visuelle Weiterentwicklung ganzer Kollektionen. Gleichzeitig reicht seine Rolle weit über das Produkt hinaus. Er prägt auch, wie IWC als Marke auftritt, von der Formensprache über Packaging bis hin zur gestalterischen Handschrift, mit der sich die Manufaktur nach außen präsentiert.

Mein Kollege Benedict Schweiger traf Christian Knoop bei den diesjährigen Watches and Wonders in Genf und sprach mit ihm nicht nur über neue Modelle, sondern auch über jahrelange Entwicklungsarbeit, Patente, neue Materialien und die Frage, wie Innovation bei IWC überhaupt entsteht.

Benedict Schweiger von ALTHERR im Gespräch mit Christian Knoop von IWC.
Christian Knoop (r.) im Gespräch mit Benedict Schweiger. Bildquelle: ALTHERR

Erst kommt die Idee, dann die Form

Den anfangs fachfremden Blick sieht Knoop heute selbst als einen seiner größten Vorteile. Gerade weil er nicht aus der klassischen Uhrmacherei kommt, nähert er sich Produkten anders. Weniger aus Tradition, stärker aus Funktion. Gute Gestaltung entsteht für ihn nicht aus Dekoration, sondern aus einem klaren Konzept. „Erst kommt die Idee, dann die Form, erst danach das Detail.“ Genau dieser Blick von außen erklärt auch, warum Knoop bei IWC nie nur Gehäuse zeichnet, sondern Produkte systemisch denkt. Für ihn ist eine Uhr immer „das Zusammenspiel aus Technik, Bedienbarkeit, Material, Ergonomie und visueller Identität“.

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Fünf Jahre Entwicklung und fünf Patente

Genau dieser Ansatz zieht sich durch die Neuheiten der Watches and Wonders 2026. Für Knoop ist der neue Big Pilot Perpetual Calendar ProSet eine der herausragendsten Vorstellungen des Jahres. Nicht nur, weil er die lange Kalendertradition von IWC fortführt, sondern weil er sie technisch neu interpretiert. „IWC ist seit den 1980er Jahren für Kalenderinnovationen bekannt, seit Kurt Klaus den voll synchronisierten Kalender entwickelt hat. Danach kamen Annual Calendar, Moon and Tide und vor zwei Jahren der Eternal Calendar. Jetzt zeigen wir den Perpetual Calendar ProSet. Das ist der erste IWC Kalender, der voll synchronisiert ist und sich nicht nur vorwärts, sondern auch rückwärts stellen lässt.“

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Was zunächst unspektakulär klingt, ist technisch ein kleiner Umbruch. Das Herzstück dieser Entwicklung ist das IWC Manufakturkaliber 82665. Neben der neuen Kalendersteuerung bietet die Uhr eine Mondphasenanzeige, die erst nach 1040 Jahren um einen Tag abweicht. „Aus technischer Sicht mussten wir alles neu denken, denn der bisherige Kalender arbeitete stark mit Hebeln“, erklärt Knoop. Der neue Kalender basiert dagegen vollständig auf Zahn und Programmrädern.

„Das ist ein radikaler Bruch mit dem bisherigen Aufbau. Die Konstruktion ist flacher, benötigt rund 30 Teile weniger und wir haben dafür fünf Patente angemeldet und auch erhalten.“ Insgesamt dauerte die Entwicklung fünf Jahre. „Da waren schon einige schlaflose Nächte unserer Ingenieure dabei, aber schlussendlich haben wir es perfekt umgesetzt.“

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„Wir hinterfragen unseren Status-Quo“

Im Rahmen der Präsentation zeigte IWC ein Video mit dem Titel „We are Engineers“. Genau dieser Satz beschreibt die Haltung des Unternehmens sehr treffend. „Wir hinterfragen bewusst den Status quo. Uns reicht kein guter ewiger Kalender. Wir fragen, wie man ihn noch besser, robuster und bedienfreundlicher machen kann.“ Möglich wurde das durch Zahnräder und Programmräder, die im LIGA-Verfahren gefertigt werden, einem fotochemischen Präzisionsprozess, den IWC bereits beim Eternal Calendar eingesetzt hat. „Neu ist, dass einzelne Komponenten über flexible Zähne und Schieber verfügen. Genau das verhindert, dass sich der Kalender aus der Synchronisation bewegt.“

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KI hilft, aber sie entwirft keine Uhr

Früher wurden Uhren am Reißbrett gezeichnet, heute übernehmen digitale Werkzeuge große Teile der Entwicklung. Auch künstliche Intelligenz spielt dabei inzwischen eine Rolle. Für Christian Knoop bleibt ihre Funktion aber klar begrenzt. „KI hilft uns bei der Prozessoptimierung“, sagt er. Der Designprozess bleibt dennoch in der Verantwortung des Designers. „Natürlich arbeiten wir mit digitalen Tools, mit Modellen, Renderings und Visualisierungen. Am Ende braucht es aber Erfahrung, Urteilsvermögen und ein Gefühl für Proportionen und Markenidentität. Genau das kann keine Software ersetzen.“

4 Modelle der IWC Le Petit Prince 20 Jahre Jubiläums-Edition nebeneinander liegend auf grauem Untergrund von vorne abgebildet
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Wie Gérald Genta 2026 wieder in Genf auftaucht

Eine der wichtigsten Linien von IWC ist die Ingenieur. Die erste Variante wurde 1955 vorgestellt. 1976 erschien mit die Ingenieur SL Referenz 1832 jene Version, die bis heute als prägend gilt. Entworfen wurde sie von Gérald Genta. Die markante Lünette mit fünf Aussparungen, das integrierte Stahlband und die klare Geometrie machten sie zur wohl bekanntesten Ingenieur ihrer Geschichte.

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IWC nutzte die Watches and Wonders 2026, um das 50 Jahre Jubiläum dieser Genta Ingenieur zu feiern. Im Mittelpunkt stand die neue Ingenieur in Roségold mit grünem Zifferblatt und Tourbillon. Für Knoop ist sie das Flaggschiff der aktuellen Linie. „In den vergangenen Jahren ist die Ingenieur für uns zu einer zentralen Linie geworden. Sie funktioniert weltweit sehr stark.“ Die Ingenieur 41 Tourbillon kommt in 5N Roségold, misst 41 Millimeter und trägt bei 6 Uhr ein fliegendes Minutentourbillon mit Tourbillon Stop. „Das Ankerrad besteht aus Silizium und ist diamantbeschichtet, um Reibung und Verschleiß weiter zu reduzieren.“ Es wurde per Finite Elemente Methode berechnet und digital auf maximale Leichtigkeit optimiert. „Genau dort treffen Technologie, Werk und Design aufeinander.“

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Warum Titan für IWC mehr ist als nur ein leichtes Metall

Unter Christian Knoop wurde bei IWC nicht nur mit neuen Materialien experimentiert. Sie wurden auch konsequent in neue Modelle übersetzt. Gerade Titan ist für IWC weit mehr als nur ein leichtes Metall. Es gehört seit Jahrzehnten zur technischen Identität der Marke. „Wir waren in den 1980er Jahren eine der ersten Marken, die Titanuhren präsentierten, gemeinsam mit Ferdinand Alexander Porsche. Seitdem haben wir das Material kontinuierlich weiterentwickelt, von Titan Grade 5 über Titan Aluminid bis zu Ceratanium.“

Gerade die Ingenieur profitiert von diesem Material besonders stark. Ihr Gehäuse ist skulptural, ihre Flächen leben vom Wechsel aus gebürsteten, satinierten und polierten Oberflächen. „Titan bringt genau diese Architektur besonders gut zur Geltung.“ Dazu kommt die Ingenieur in olivgrüner Keramik mit goldenen Akzenten. Auch sie zeigt, wie stark Material inzwischen Teil der gestalterischen Identität von IWC geworden ist. Parallel dazu wurde die Ingenieur-Linie bewusst breiter aufgestellt, mit Komplikationen, Tourbillon, Gold, Titan, Keramik und neuen Größen. „Die 35-Millimeter-Variante mit blauem Zifferblatt in Stahl wird sehr gut angenommen. Das zeigt, wie tragbar und ergonomisch dieses Design ist.“

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Die erste IWC, die nicht für die Erde gebaut wurde

Nicht nur die Ingenieur feierte 2026 ein Jubiläum. IWC blickt in diesem Jahr auch auf 90 Jahre Fliegeruhren zurück. Statt nur zurückzuschauen, richtet die Marke den Blick bewusst nach vorn. Mit der Venturer Vertical Drive präsentierte IWC eine Uhr, die nicht mehr für das Cockpit, sondern für den Weltraum gedacht ist.

„Wir wollten das Jubiläum nicht nur rückwärts feiern, sondern auch nach vorn denken. Raumfahrt ist für uns ein klares Zukunftsthema“, sagt Knoop. In den vergangenen Jahren waren bereits neun IWC Uhren auf verschiedenen Missionen im All im Einsatz. Die Venturer Vertical Drive ist dennoch die erste Uhr der Marke, die von Grund auf für bemannte Raumfahrt entwickelt wurde. „Bisher wurden meist zivile Uhren für Raumfahrtmissionen qualifiziert. Dieses Modell wurde dagegen gezielt für die Anforderungen im Weltraum konstruiert, bei Material, Ergonomie und Funktion.“

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Am auffälligsten ist dabei, was fehlt. Die Uhr besitzt keine klassische Krone. „Die Uhr arbeitet stattdessen mit einem Drehring System, gekoppelt an einen Schalter bei 9 Uhr. Darüber lassen sich Aufzug, Zeiteinstellung und GMT Funktion anwählen.“ Die Uhr besitzt eine 24-Stunden-Anzeige, weil Weltraummissionen in UTC gerechnet werden. „Zusätzlich lassen sich Missionszeit und eine zweite Zeitzone ablesen.“ Das Gehäuse besteht aus weißer Zirkonoxid Keramik in Kombination mit Ceratanium.

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Warum IWC nun mit Raumfahrtfirma kooperiert

Bei diesem Projekt arbeitet IWC mit VAST zusammen, einem 2021 gegründeten US-Raumfahrtunternehmen, das an kommerziellen Raumstationen arbeitet und langfristig die Nachfolge der ISS anstrebt. Für Knoop geht diese Zusammenarbeit deutlich über klassisches Co-Branding hinaus. „Uns verbindet ein ähnliches Verständnis von Technik und Gestaltung. Funktion und Form werden von Anfang an gemeinsam gedacht.“

Dieser Ansatz prägt auch die im Rahmen der Kooperation entwickelten Uhren. „Jede einzelne Uhr wird als Space Flight Qualified entwickelt und durchläuft am VAST-Hauptsitz in Long Beach einen intensiven Qualifizierungsprozess, bei dem sie gezielt auf ihre Eignung für den Einsatz in der bemannten Raumfahrt geprüft wird.“

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Breitling Avenger

Diese Big Pilot leuchtet nicht nur am Zifferblatt

IWC gehört seit Jahren zu den spannendsten Marken, wenn es um Materialentwicklung geht. Auch Ceralume bekam bei der Watches and Wonders 2026 ein Update. Technisch ist Ceralume eine Weiterentwicklung klassischer weißer Keramik. IWC mischt dafür keramische Pulver mit Super-LumiNova-Pigmenten. Das Material lädt sich durch Tageslicht oder künstliches Licht auf, speichert diese Energie und gibt sie später als sichtbares bläuliches Leuchten wieder ab, laut IWC für mehr als 24 Stunden. Der entscheidende Unterschied zu klassischer Leuchtmasse ist, dass nicht nur Zeiger oder Zifferblatt leuchten, sondern das gesamte Gehäuse.

IWC präsentierte diese Technologie in einer Big Pilot 46 mit ewigem Kalender, limitiert auf 250 Stück. Tagsüber erscheint die Uhr vollständig in Weiß. Nachts zeigt sie einen massiven Leuchteffekt. „Das Gehäuse leuchtet, das Zifferblatt leuchtet, die Zeiger leuchten und selbst das Band ist mit Leuchtmasse ausgestattet.“ Sogar das Medaillon auf der Schwungmasse leuchtet.

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Gute Ideen kommen nicht nur aus der Chefetage

Besonders spannend ist die Geschichte hinter Ceralume. Einmal im Jahr veranstaltet IWC die sogenannte Apprentice Challenge. Dort präsentieren Lehrlinge ihre Ideen für neue Produkte und Materialien. „Vor fünf Jahren kam ein Team mit dem Vorschlag, Super LumiNova mit Keramik zu verbinden. Der erste Prototyp war noch roh, mit Löchern und Flecken“, erinnert sich Knoop. Das Potenzial war dennoch sofort erkennbar.

„Danach haben wir das Material gemeinsam mit unserem eigenen R&D-Team und RC Tritec weiterentwickelt. Heute ist daraus ein Werkstoff geworden, der in Serie produziert werden kann, mit der nötigen Qualität, Festigkeit und Homogenität.“ Genau darin zeigt sich die Innovationskultur, die Christian Knoop bei IWC immer wieder betont. „Ideen entstehen bei uns nicht nur in der Designabteilung oder in der Chefetage, sondern im gesamten Unternehmen.“

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Eure Meinung ist gefragt!

Wie hat euch das Interview mit Christian Knoop gefallen, und welche der IWC-Neuheiten von 2026 hat euch am meisten überzeugt? Schreibt uns eure Meinung und euren Favoriten in die Kommentare.

Einen vollständigen Überblick über die diesjährigen Neuvorstellungen findet ihr in unserer Zusammenfassung aller IWC-Neuheiten der Watches and Wonders 2026. Und hier könnt ihr euch das Gespräch mit Christian Knoop auch noch als Video auf unserem YouTube Kanal anschauen.

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Harald Saller

Mein Einstieg in die Welt der Uhren verdanke ich einem Film. Als Kind war ich fasziniert von dem actionreichen Streifen "Le Mans" mit Steve McQueen. Dank ihm wurde die Heuer Monaco zu einer Ikone in der Uhrenwelt. Dieses Modell markierte 2009 meinen Einstieg in die Welt der Premium- und Luxusuhren.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich mich intensiv mit Uhren, ihren Techniken und Geschichten auseinandergesetzt. Ich schaue vor allem gerne hinter die Kulissen.

Aber was ist eigentlich das Faszinierende an Uhren? Ich könnte jetzt eine lange Liste erstellen, um zu erklären, warum Uhren ein tolles Hobby sind. Letztendlich sind es jedoch die positiven Emotionen, die Armbanduhren in mir auslösen. Als Journalist versuche ich, diese Emotionen in meinen Texten unseren Leserinnen und Lesern näherzubringen.

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