
Spricht man über die Heilige Dreifaltigkeit oder auch die Großen Drei, meint man drei Marken, die der Schweizerischen Uhrmacherei allesamt nachhaltig ihren Stempel aufgedrückt haben. Die Hersteller führen Zeit ihres Bestehens das Rudel an, setzen stetig Maßstäbe und glänzen durch die Vereinigung von Traditonsreichtum und zeitgemäßem Fortschritt. Sie sind zum Inbegriff von Luxus und feinem Handwerk geworden.
Audemars Piguet
Die Geschichte eines der bedeutendsten Uhrenunternehmen dieser Welt beginnt, wie so viele andere auch, ganz romantisch in der beschaulichen Schweiz. Die Kindheitsfreunde Edward Auguste Piguet und Jules Louis Audemars, welche beide bereits als Uhrmacher feiner Zeitmesser tätig waren, fanden im Jahre 1870 nach langer Zeit erneut zueinander und entschlossen sich im Jahre 1875 dazu, gemeinsam die Marke zu erschaffen, welche heute als Audemars Piguet bekannt ist. Ort dieser Entstehung ist Le Brassus, ein Örtchen im Vallée de Joux. Auch heute ist das Unternehmen dort ansässig und nach wie vor in Besitz der Gründerfamilie – eine wahrhaftige Einzigartigkeit. Zu Beginn jedoch arbeiten die beiden noch unabhängig voneinander. Audemars überwachte die Produktion und Qualitätssicherung, während Piguet als Manager die Verkäufe abwickelte. So ließ sich also schon früh erkennen, dass die beiden große Visionen für ihr gemeinsames Schaffen hatten.
Bereits früh eröffnete man Filialen verteilt über ganz Europa. Erst im Jahre 1881 erschien Audemars Piguet & Cie erstmalig als Firmenname auf dem Zifferblatt einer Uhr. Gleich zu Beginn jedoch liegt das Augenmerk auf der Kreation kompliziertester Uhrwerke und Komplikationen.

1892 wurde die erste Uhr mit Minutenrepetition präsentiert, kurz später folgte die erste Grand Complication innerhalb einer Taschenuhr. In ihr verbarg sich ein Minutenschlagwerk, ein Alarm, ein ewiger Kalender, ein Chronograph, eine Seconde Morte und ein Schleppzeiger. Als die beiden Gründerväter in den Folgejahren 1918 und 1919 verstarben, ging die Firma in den Besitz der nächsten Generation über. Paul Louis Audemars und Paul Edward Piguet traten daraufhin in die bereits großen Fußstapfen und trieben den Erfindergeist der Marke weiterhin unermüdlich voran. 1925 stellte die Manufaktur das flachste Taschenuhrkaliber vor, neun Jahre später die erste vollständig skelettierte Taschenuhr.

Doch auch der zunehmende Trend in Richtung der Armbanduhr wurde nicht übersehen und so stellte man 1946 die bis dahin flachste jemals gebaute Armbanduhr vor. Auch Audemars Piguet sah sich in den Siebzigerjahren akut von der Quarzkrise bedroht. Günstige elektronische Uhrwerke aus Japan machen die mechanische Armbanduhr praktisch über Nacht obsolet. Ein wahrer Befreiungsschlag war die Zusammenarbeit mit Schmuckdesigner Gerald Genta, welcher sich mit einer schwierigen Mission konfrontiert sah. So erwartete AP von ihm nicht mehr und nicht weniger, als die Rettung ihrer Vorreiterrolle. Das Resultat dieser Bemühungen wurde im Jahre 1972 in Form der heute legendären Royal Oak vorgestellt – einer luxuriösen Sportuhr, welche allem entgegenstand, was man bisher unter feiner Uhrmacherei verstanden hatten. Die Royal Oak hatte Ecken, Kanten, sichtbare Schrauben und war aus Edelstahl gefertigt. Trotz dieser scheinbar minderwertigen Materialwahl und der grobschlächtigen Optik lag der aufgerufene Preis deutlich über dem der Konkurrenzuhren aus Edelmetall. Anfänglich stieß dieses Konzept auf Entsetzen, Royal Oaks verstaubten in der Auslage. Nur allmählich erkannten die Menschen die Zeitmesser als das, was sie waren und sein sollten: wahrer Luxus. So wurde die Royal Oak und ihr Konzept zu einer Blaupause für die gesamte Industrie und begründete eine neue Ära der Uhrmacherei, welche bis heute ungebrochen anhält.
Die Royal Oak Kollektion wird seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und auch weitere Modelle erhielten Einzug in den Katalog, so beispielsweise die Star Wheel mit wandernder Stundenanzeige im Jahre 1991. Auch den Trend in Richtung auffälliger Sportuhren passte Audemars Piguet ab und stellte im Jahre 1993 die erste Royal Oak Offshore vor. Mehr Wasserdichtigkeit und Auslieferung an einem Synthetikband trafen den Nerv der damaligen Zeit punktgenau. Eine Sache zeichnete sich jedoch allmählich ab: Audemars Piguet, welche das schier endlose Potenzial der Royal Oak früh erkannt hatten, trieben die Entwicklung insbesondere dieser Modelllinie nahezu exklusiv voran. So experimentierte man mit verschiedenen Größen, Materialien und Komplikationen. Besonders hervorhebenswert ist dabei die Einführung der Royal Oak Concept Kollektion im Jahre 2002. Extreme Formen, Architekturen und Ausreizung des Möglichen was Komplikationen und Designs angeht, sind Charakteristika dieser Zeitmesser.

Eine weitere interessante Rolle spielt zudem der Teilzulieferer Renaud et Papi, welcher im Jahre 1986 von Dominique Renaud und Giulio Papi als Manufacture d’Horlogerie Renaud et Papi SA gegründet worden war. Beide Herren waren langjährige Angestellte von Audemars Piguet gewesen und wagten nun den Schritt in die Selbstständigkeit. Die von ihnen produzierten Güter stammen exklusiv aus dem Bereich der Haute Horlogerie und umfassen beispielsweise Minutenschlagwerke oder Tourbillons. Die Veredelung eben jener wird zudem exklusiv in Handarbeit vorgenommen und ist auf höchstem Niveau. Heute sind 78 % von Renaud et Papi wieder in Besitz von Audemars Piguet und produzieren die entsprechenden Teile für die anspruchsvollsten Uhren des Hauses. Dies geschieht unter dem gemeinsamen Namen APRP. Auch andere High End Hersteller wie Richard Mille, IWC oder Greubel Forsey stützen sich auf APRP und die Kompetenz, die sie mitbringen.

Die aufsehenerregenste Vorstellung neuer Modelle seit Vorstellung der Royal Oak stellte die 2019 erfolgte Präsentation der Code 11.59 dar. Ein rundes Gehäuse ließ die Uhren zurückkehren zu klassischeren Designs und doch ließen auch diese Zeitmesser die handwerklichen Muskeln spielen. Gehäuse, Hörner und Uhrglas sind aufwendig geformt und machen die Code 11.59 zu einem besonderen Erlebnis. Verschiedene Farben und Materialien machen diese handwerklichen Kunstwerke zwar besonders – und doch waren sie nicht sonderlich beliebt. Gewöhnt an und verwöhnt durch die Royal Oak wusste das Publikum nichts mit dieser Uhr anzufangen. Erst als 2021 eine überarbeitete Version präsentiert wurde, welche Details vertiefte, zeichnete sich Erfolg ab. Im Gegensatz zu ihren beiden Mitstreitern der Heiligen Dreieinigkeit zeigt Audemars Piguet zudem bewusst starke Präsenz in der Öffentlichkeit als Teil ihrer Identität. Als Förderer des America’s Cup, Kooperationspartner mit der Formel 1 oder am Handgelenk von Arnold Schwarzenegger in diversen Hollywood-Produktionen stehen Zeitmesser aus Le Brassus regelmäßig im Rampenlicht.

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Severin Giesswein
Severin Giesswein ist seit Frühjahr 2020 als freier Mitarbeiter für ALTHERR tätig. Hauptberuflich in der Medizin beschäftigt, verfasst er in regelmäßigen Intervallen den ALTHERR Sekundenstopp – eine Übersicht über alle Neuigkeiten der Uhrenindustrie und moderiert als Host die zugehörige ALTHERR Sprechstunde live auf YouTube. Seine Begeisterung für Armbanduhren teilt er zudem auf Instagram unter @derwerkstudent.